Dunkle Gänge

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2 Jahre 10 Monate her #692 von Irene
Irene erstellte das Thema Dunkle Gänge
Es ist eine kühle Frühlingsnacht und Irene kann, wie so oft, nicht schlafen. Daher steht sie, eingehüllt in eine leichte Decke, auf ihrer Terrasse und blickt über die Stadt. Diese liegt friedlich und still vor ihr und nur noch wenige Lichter erhellen die Fenster der Häuser. Während sie ihre Gedanken schweifen lässt, beginnen die ersten Tropfen vom Himmel zu fallen. Sie schaut seufzend hinauf, bevor sie zurück in ihre Gemächer geht. Sie setzt sich auf die Bettkante und überlegt, ob sie sich wieder hinlegen soll, doch sie weiß, dass sie nun genauso wenig schlafen kann, wie noch vor ein paar Stunden. So nimmt sie schließlich eine Fackel von der Wand und geht langsam und auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, bis sie an dem Ort angekommen ist, der ihr die letzten Monate so ans Herz gewachsen ist: Der Weinkeller.

Sie geht wie immer zu den Fässern, die in der kleinen Nische stehen und öffnet eines nach dem anderen, nur um festzustellen, dass weit und breit kein heiß ersehnter Alkohol zu finden ist. Sie flucht leise und schaut sich um. Sämtliche Regale, in denen sonst Unmengen alter, verstaubter Weinflaschen liegen sind leer. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und schaut sich verwirrt um. „Der Schrank“, denkt sie und geht mit der Fackel in der Hand auf die andere Seite des Raumes, wo sie langsam die Türen des Schrankes öffnet und hinein schaut. „Du brauchst nicht suchen, ich habe alles weggeschafft.“, sagt eine männliche Stimme von der Tür aus, gefolgt von einem schrillen Schrei und lautem Gepolter. Mit weit aufgerissenen Augen läuft Kilian zu Irene herüber, die sich so sehr erschrocken hatte, dass sie rückwärts in den Schrank hineingefallen war, nun halb in diesem sitzt und sich den Kopf hält. Er hockt sich vor sie und schaut sie entschuldigend an: „Alles in Ordnung?“ Irene gibt nur ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich, während sie versucht sich aufzurappeln, wobei sie sich an einem im Schrank befindlichen Haken hochzieht. Ein klackendes Geräusch ist zu vernehmen, als die Rückwand des Möbelstückes nach hinten wegklappt. Kilian hilft ihr hoch und hebt vorsichtig ihre Hand an, die sie immer noch an ihren Kopf presst. „Lass mal sehen.“ Er hält die Fackel ein wenig näher an sie heran und untersucht die Stelle an ihrem Kopf: „Gut, es blutet nicht, aber es wird eine schöne Beule werden.“ „Was ist das?“, fragt Irene, die sich mehr für die aufgesprungene Rückwand, als ihren Kopf interessiert und mit dem Finger darauf zeigt. Kilian folgt fragend ihrem Blick und hält die Fackel nah an den Schrank, bevor er näher heran geht und die Rückwand weiter aufdrückt. Er schaut sie fragend an und zuckt mit den Schultern, bevor er durch die Öffnung in einen dahinterliegenden Raum geht. „Kilian! Komm zurück!“, flüstert sie mit verschränkten Armen, als der Lichtschein seiner Fackel immer schwächer wird. Sie kaut auf ihrer Unterlippe und flucht leise, bevor sie ihre heruntergefallene Fackel aufhebt und ihm hinterher geht.

Sie sieht sich mit großen Augen um, während sie mit einer Hand noch immer die Decke festhält und mit der anderen die Fackel in die Höhe hält, um den Raum zu beleuchten. „Kilian! Warte!“, ruft sie in den hallenden Gang, bevor sie vorsichtig in Richtung von Kilians Fackelschein geht. Sie zuckt ängstlich zusammen, als hinter ihr erneut ein klackendes Geräusch ertönt. Sie geht ein paar Schritte zurück und erkennt, dass sich die Wand von allein wieder geschlossen hat.

Als der Gang einen Knick macht und sie ängstlich um die Ecke schaut, sieht sie Kilian ein paar Meter vor sich. Er steht vor einer Treppe, die hinab in die Dunkelheit führt und beäugt diese kritisch. Irene greift nach seinem Arm und sagt ängstlich: „Lass und bitte wieder zurück gehen.“ Ein leises Lachen ist zu hören, bevor er sie anschmunzelt: „Sei nicht so ein Angsthase!“. Er nimmt ihr die Fackel aus der Hand und steckt sie in die Wandhalterung neben sich, bevor er ihre Hand nimmt und sie hinter sich die Treppe herunter zieht.

Je tiefer sie die Stufen hinabsteigen, umso mehr ändern sich die Wände von gemauertem Stein zu massivem Fels. Irene bestaunt mit neugierigem Blick die immer höher werdende Decke, während sie Kilians Hand feste im Griff hat, bis sie schließlich am Ende der Treppe angelangt sind und vor einem großen Höhlensystem stehen. Sie lässt seine Hand langsam los und geht zu einer der Wände, über die sie mit ihren Fingerspitzen streicht. Als Kilian ihr folgt und erkennt, wovor sie steht, schaut er sie fragend an. „Ich war als Kind oft hier.“, antwortet sie auf seine unausgesprochene Frage, während sie weiter an der Wand entlang geht und über die zahlreichen Kritzeleien auf dieser streicht. „Wenn wir weitergehen, kommen wir zum Strand. Das hatte ich ganz vergessen.“ Sie schaut zurück: „Die Treppe gab es früher allerdings nicht. Mein Vater muss sie erst später erbaut haben. Die Höhle war hier zu Ende.“ Kilian nickt ihr zu und deutet mit der Fackel in den Gang hinein: „Dann schauen wir doch mal, wo wir rauskommen. Wir sollten den Eingang verschließen, damit nicht irgendwann ungebetene Gäste in deinen Gemächern stehen.“ Sie schaut in seine, von der Fackel orange leuchtenden, Augen und nickt, bevor sie erneut seine Hand nimmt und sich von ihm weiter in die Gänge führen lässt.
Als sie an eine kleine Nische in der Felswand kommen, löst sie sich erneut von ihm und hockt sich vor sie. Irene zieht eine kleine Holzkiste daraus hervor und stellt sie auf ihre Oberschenkel, während sie traurig lächelt. Sie entfernt die zahlreichen Spinnweben, die sich jahrelang in der offenen Kiste gesammelt hatten, greift hinein und nimmt langsam ein goldenes Amulett heraus, bevor sie die Kiste wieder wegstellt und zurück zu Kilian geht, der noch immer mit der Fackel ein paar Schritte von ihr entfernt steht. „Es hat meiner Mutter gehört“, sagt sie leise, während sie mit den Fingerspitzen über die Verzierungen des Schmuckstücks fährt: „Sie war unglaublich böse, als es weg war und hatte überall danach gesucht.“ Kilian legt seinen freien Arm um sie und drückt sie leicht an sich: „Ich denke, früher oder später hätte sie es dir sowieso gegeben.“ Irene lässt das Amulett vorsichtig in ihre Tasche gleiten, bevor sie Kilian mit einem kurzen Kopfnicken bedeutet weiterzugehen.

Ein paar Minuten lang gehen die beiden stumm nebeneinander her, bis sie zu einem großen Raum gelangen. Irene erkennt in der Wandhalterung neben ihr eine alte Fackel, die sie nimmt und an der Kilians entzündet. Langsam geht sie in den Raum hinein, der voll mit allerlei Kram ist. „Herr im Himmel, ... was?“, beginnt sie zu sprechen, als sie in einen großen Topf voller Besteck schaut. Kilian, der eine verstaubte alte Puppe hochhebt, beginnt zu lachen: „Und wir hatten uns schon gefragt, wo er die ganzen Sachen versteckt hat. Er hat meinen größten Respekt, dass er es in seinem Zustand tatsächlich noch bis hier runter geschafft hat.“ Mit großen Augen begutachtet Irene die Berge an verschiedenem Plunder, den ihr Vater anscheinend über viele Jahre hier gesammelt hatte und flüstert kaum hörbar: „Er war also wirklich wie ich...“ Einige Minuten beobachtet Kilian, wie sie langsam und bedächtig mit leuchtenden Augen den ganzen Raum mit ihrer Fackel absucht, als hätte sie einen großen Schatz gefunden. Als sie dabei ist, auf der anderen Seite in einem Gang zu verschwinden, läuft er grinsend und kopfschüttelnd hinter ihr her. Schnellen Schrittes durchquert er den Raum und biegt um die Ecke, als er abrupt abbremst, weil er sonst Irene umgerannt hätte. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, lässt es aber, als er sieht, dass sie mit weit aufgerissenen Augen und leerem Blick vor ihm steht. Die Hand, mit der sie eben noch die Decke umklammerte, hat sie nun auf den Mund gepresst, während die andere zitternd die Fackel hält. Er hebt seine Lichtquelle, um den Gang vor ihr zu beleuchten und schaut über ihre Schulter hinweg. Der Weg war verschüttet. Es schien, dass die Höhle vor einiger Zeit eingestürzt ist. Als er die heruntergefallenen Trümmer begutachtet, sieht er, was Irene erblickt hatte.

Er schaut kurz zu ihr, bevor er auf den leblosen Körper, der halb unter den Trümmern begraben liegt, zugeht. Nach nun fast einem Jahr hier unten war nicht viel mehr als Knochen von dem Menschen über geblieben. Einzig der rot-blaue Stoff des Wappenrocks und der königliche Siegelring an seiner verwesten Hand ließen erkennen, um wen es sich dabei handelte. Kilian erleuchtet die nähere Umgebung und schaut zu Irene, die immer noch starr, doch nun ihm zugewandt in einiger Entfernung stand: „Er muss hier durchgegangen sein, als die Decke über ihm zusammenbrach.“ Einige Minuten lag eine schwere Stille über dem Ort. „War er sofort tot?“, fragt sie schließlich mit zitternder Stimme und schaut ihn ausdrucklos an. Kilian schaut sich die halbverweste Leiche erneut an. Mehrere große Steinbrocken liegen auf den zertrümmerten Beinknochen, während der Rest unversehrt scheint. Er beleuchtet den Kopf und stellt fest, dass dieser noch intakt ist, es sind keine Frakturen zu erkennen, jedoch weisen seine Gesichtsknochen tiefe Bissspuren auf. „Nun“ beginnt er zögernd, schaut sie an und schüttelt den Kopf. Als ihr Blick noch immer ausdruckslos bleibt, geht er wieder zu ihr hinüber, hebt die Decke auf, die inzwischen von ihren Schultern gerutscht war und legt ihr diese wieder behutsam um. Er bemerkt, dass eine Träne ihre Wange herunterläuft, legt einen Arm um sie und führt sie langsam in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen sie Irenes Schlafgemächer. Sie hatten nicht ein Wort auf dem Weg gewechselt. Irene ließ sich einfach von ihm führen. Auch jetzt, als er vor ihr steht und sie besorgt anschaut, reagiert sie nicht. Er beäugt sie misstrauisch und redet sanft auf sie ein, bevor er beschließt, ihr einen Trank zu holen, mit dem sie lange und fest schlafen kann. Er sagt ihr, dass er gleich zurück ist und verlässt den Raum.

Als sie allein ist, geht Irene auf die Terrasse heraus und stellt sich vor die Zinnen der Burgmauern. Ganz klein und weit entfernt unter ihr, kann sie Kilian sehen, der schnellen Schrittes in Richtung Apotheke läuft. Sie geht ein paar Meter von der Mauer weg, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und fällt auf die Knie. Einige Sekunden verharrt sie, ehe sie den Blick gen Himmel streckt, die Augen schließt und leise „Danke..“ flüstert, während ein leichtes Lächeln ihre Lippen umspielt.
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