Tochter der Nanna

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2 Jahre 4 Monate her - 2 Jahre 4 Monate her #814 von Torvi
Torvi antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Lokis List

Grinsend betrachtete er die Schale, die ihm die Ereignisse aus Midgard zeigte und konnte sich vor Lachen kaum noch halten. Loki sah, wie sich das Wasser unter seiner Handbewegung kräuselte und er nun das Geschehen näher betrachten konnte, wie es sonst Freya immer tat, die er oftmals dabei dabei beobachtete. Da waren sie, in seinem Netz aus Lügen und Intrigen gefangen und standen sich von Angesicht zu Angesicht. Lange hatte er auf diesen Moment hingearbeitet, hatte jede noch so kleine Unachtsamkeit zu seinem Vorteil genutzt und sich heimlich in den großen Saal geschlichen, um Freyas Werk zu betrachten und einen Weg zu finden, es zu vernichten. Er hatte jeden nochso kleine Gelegenheit genutzt, hatte seine Fäden gesponnen und die Menschen in sein Netz gelockt. Nun, nach langer Zeit, war ihm endlich seine List geglückt.

Lange genug hatte er beobachtet wie Freya ihre Schützlinge umgarnt hatte und ihnen den Weg bereitete, auf dem sie die Menschen zueinander führen wollte. Angewidert verzog er das Gesicht. Liebe! Was bedeutete schon Liebe, wenn er sie so leicht in Enttäuschung und Hass umkehren konnte? Jeden Abend war er ihr gefolgt, hatte sie beobachtet, wie sie dort stand und in die goldene Schale sah, um ihren Schützlingen zuzuflüstern. Geduldig wartete er im Schatten auf seine Chance. Das letzte Mal, als ihr Werk zerstört hatte, lag schon viel zu lange zurück und dieser Mensch mit dem blonden Haar schien sich besser davon erholt zu haben, als er erwartet hatte. Erneut hatte er ihn mit seinen Fäden umgarnt, ihn endlich in seinem Netz gefangen und nun war der Moment gekommen. Loki genoss die Spannung die er dort sah, die Enttäuschung, Trauer und den Hass der ihm entgegen wehte. Eine der Frauen die er dort in der Schale sah, spuckte dem Mann ins Gesicht, warf ihm vor sie nur benutzt zu haben, um die andere Frau eifersüchtig zu machen. Diese stand etwas abseits, enttäuscht und hin und hergerissen. Selbst die Liebesbekundungen des Mannes drangen kaum zu ihr durch. Doch dieser Streit war ihm nicht genug, er wollte mehr und so wob Loki sein Netz aus Intrigen weiter, umgarnte mit seinem Fäden die zwei Männer in der Nähe und hetzte sie auf den Blondschopf, den das Glück mit den Frauen verlassen hatte. Die Rothaarige brach zusammen während die andere Frau vor Hohn lachend dem Geschehen und dem Kampf zusah, der ausgebrochen war. Loki weidete sich an dem Leid und flüsterte den Angreifern Worte zu, die ihr Blut in Wallung brachten. Ja, er wollte Blut sehen. Wollte sehen, wie eines der Figuren zerbracht, welche Freya seit einiger Zeit so liebte.

Ein Geräusch schreckte ihn auf und mit einer Handbewegung war das Spiegelbild aus Midgard verschwunden und er versteckte sich hinter dem Vorhang des großen Saals. Ein empörter Aufschrei beschied ihm einen wohligen Schauer. Er genoss das Leid Freyas, die ihr zerstörtes Werk betrachtete und weidete sich an ihrer Verzweiflung. Im Schatten verborgen beobachtete er, wie sie versuchte die Situation zu retten, aber er bezweifelte, dass sie es je schaffen würde sein Werk zu vernichten. Die Saat der Zwietracht war lange geplant und zu einem guten Zeitpunkt gesät und ihm hatte nur dieser eine Moment gefehlt, um ihre harte Arbeit zu Fall zu bringen. Ja, sie hatte lange gebraucht um diese Menschen zueinander zu führen und umso zufriedener sah er, wie sie wütend den Saal verließ und in den Gängen laut seinen Namen rief. Auch wenn sie ihn nicht entdeckt hatte, wer sonst außer ihm brachte mit Vorliebe die Menschen dazu, sich von einander und von ihr abzuwenden?
Sie würde lange nach ihm suchen müssen und so schlich er sich wieder in die Mitte des Saals. Dort, auf einer marmornen Säule die dem Weltenbaum Ygrdrassil nachempfunden war, lag die große goldene Schale schutzlos und ihm gänzlich ausgeliefert. Er schritt an ihren Rand, strich beinahe sanft über das Wasser und sah, wie die rothaarige Frau auf ihrem Pferd gen Norden ritt und weidete sich an ihrem Leid. Er wollte gerade in das Wasser greifen und das Rudel Wölfe auf sie hetzen, als er inne hielt. Er lachte hämisch. Nein, er würde sie nicht töten, zumindest noch nicht. Dafür war ihr Leid und ihre Trauer zu süß. Nein, er würde es weiter auskosten und auf seine Chance warten, erneut Zwietracht zu säen. Grinsend zog er sich zurück und genoss seine Schadenfreude, auf das was noch kommen würde.

Bald schon würde er zurückkehren.
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2 Jahre 4 Monate her - 2 Jahre 4 Monate her #848 von Torvi
Torvi antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Heimkehr

Stumme Schatten flogen an ihr vorbei, Äste peitschten ihr entgegen, schlugen der jungen Frau ins Gesicht und der Wind heulte ohrenbetäubend in ihren Ohren. Die Muskeln in den Flanken spannten sich an, das Pferd machte einen Satz und sprang über einen gefällten Baumstamm, der quer über dem Waldboden lag. Vergessen oder aufgegeben. Sie hörte das Schnauben des treuen Tieres, das Geräusch von Hufen, die schwer auf den Waldboden aufschlugen und ein dumpfes Geräusch erzeugten. Äste brachen unter den kräftigen Tritten, während das Pferd sich seinen Weg durch den Wald bahnte. Bäume, Sträucher und Tiere huschten als dunkle Gestalten an ihnen vorbei. Unwirklich. Dunkel. Bedrohlich. Der Wind zerrte an ihrem Haar und an ihren Kleidern, heulte beinahe schmerzhaft in ihren Ohren und es kam ihr so vor, als würde sie eine Stimme im Heulen des Windes hören. Eine Stimme die vor Hohn lachte. Die junge Frau schüttelte den Gedanken beiseite, war es vermutlich nur die Erinnerung an die vergangenen Stunden, welche sie verdrängt hatte. Ihre Hände krallten sich haltsuchend in die weiße Mähne, sie beugte sich vornüber, um sich an den Hals des treuen Pferdes zu schmiegen, welches Torvi nachhause brachte.
Schweißgebadet, zitternd und völlig entkräftet kamen Mensch und Tier in Nordwacht an. Die junge Frau nahm wie in Trance den Sattel vom Rücken des Pferdes, legte ihn teilnahmslos über die kleine Mauer vor ihrem Haus und befreite ihre treue Gefährtin vom Halfter. Erst jetzt bemerkte sie das frische Stroh und die Möhren, die locker als Bündel von dem neuen Baldachin hingen, der seit kurzem neben ihrem Haus stand. Dankbar, dass ihr diese Arbeit erspart blieb, ging sie ins Haus und lies sich kraftlos auf das neue, große und mit Intarsien verzierte Bett fallen. Der neue Geruch und der Platz war immer noch ungewohnt und gerade in diesem Moment fühlte sie sich das erste Mal einsam. Auch der Gedanke, dass Bran es extra für sie angefertigt hatte, damit sie besser schlafen konnte, verschaffte ihr keinen Trost. Ob Trystan ihm von ihren Alpträumen erzählt hatte?
Es kam Torvi beinahe wie ein Traum vor, ein schrecklicher Alptraum, aus dem sie nur noch erwachen wollte. Erneut tauchten die Bilder in ihren Gedanken auf, die sie auf dem Ritt hierher verdrängt hatte. Die Erinnerung überkam sie wie eine Flutwelle und die Wut und Trauer, die sie dabei empfand, schien sie zu ersticken. Instinktiv schnappte sie panisch nach Luft. An ihren Traum erinnert, auf dem sie schwankend auf einem Langboot gestanden hatte, welches einen dunklen Fluss entlang geglitten war, krallte sie sich haltsuchend am Holz des Bettes fest. Sie zwang sich zur Ruhe, verstärkte schmerzhaft den Druck ihrer Hand, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich in ihrem Bett lag und nicht wieder in dem Alptraum gefangen war. Das Gefühl des Wankens verschwand nur langsam und das Rauschen in ihrem Kopf wurde erst mit der Zeit durch das Knistern des Feuers verdrängt, nachdem sie die Feuerschale neben ihrem Bett entzündet hatte. Aufrecht saß sie auf ihrem Bett, atmete schwer ein und aus, während die langsam anwachsenden Flammen ihr tröstende Wärme spendeten. Wie in Trance starrte sie ins Feuer und merkte, dass sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten. Was war nur passiert? Wie oft hatte sie sich das seit jenem Moment gefragt, als er mit dieser Frau, Lina von Anderson, nach Nordwacht gekommen war und sie ihn mit liebevollen Kosenamen angesprochen hatte. Tagelang hatte sie gekocht vor Wut und dann den Entschluss gefasst, ihn zur Rede zu stellen. Sie wollte doch einfach nur Gewissheit haben, wollte von ihm selbst hören, ob das was sie gesehen und gehört hatte der Wahrheit entsprach. Oder hatte sie das offensichtliche nicht wahrhaben wollen? Sie erinnerte sich wieder daran, wie sie enttäuscht und vor Wut zitternd dagestanden und zugesehen hatte, wie das Paar zurück in den Süden geritten waren. Trystan war der erste gewesen, der bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte, doch konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. Sie wusste, dass er sie liebte, hatte er es an jenem Abend zum Abschied geflüstert, als sie nach einer zögerlichen Umarmung die Tür hinter sich geschlossen hatte. Torvi hatte ihm nie gesagt, dass sie seine letzten Worte gehört hatte, nachdem sie die ganze Nacht stundenlang geredet hatten und er ihr flüsternd seine Liebe gestanden hatte. Vermutlich hatte er geglaubt, dass sie ihn nicht hören würde. Dass der Brunnen zu laut sein oder die Holztür zu dick sein würde, aber ihr Fenster war offen und so hatte der Wind seine Worte ins Haus getragen.
Ihr Blick glitt zur Wand an dem das Gedicht hing, dass er ihr Tage später schenkte. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie verlegen er dabei gewesen war, als sie ihn beim Schreiben erwischt hatte. Langsam hob sie die Hand und berührte das Pergament, auf dem die Gefühle in Worte gefasst standen, die Trystan für sie empfand. Ihre Augen folgten den filigranen Buchstaben und hörte seine Stimme in ihren Gedanken, wie er es ihr mit hochrotem Kopf vorgetragen hatte. Gerührt hatte sie seinen Worten gelauscht und ihn lange sprachlos angesehen, überwältigt von seiner Zuneigung und weil sie nicht gewusst hatte, wie sie ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte. Aber er war offenbar erfreut, als sie ihn schließlich um das Pergament bat, damit sie es sich ins Haus hängen und betrachten konnte. Kraftlos und niedergeschlagen senkte sie den Arm und legte ihn sich über das Gesicht. Sie bemerkte, dass ihr Kopf glühte, als sie die kühle Haut auf ihrer Stirn spürte. Sowie die Tränen, die ihr über das Gesicht rannen.

Es klopfte.

Erschrocken fuhr sie hoch, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, richtete ihre Kleidung und stand schließlich, auf um die Tür zu öffnen. Erstaunt sah sie das freudige Gesicht ihrer Freundin, doch der Ausdruck in Elins Augen verschwand sofort, als diese ihre Freundin betrachtete und die rotumrandeten Augen sah. „Was ist passiert?“ fragte die jünger Frau mit besorgtem Blick. Torvi war zu aufgewühlt um ihre Gefühle zu verbergen, deutete auf die Bank vor ihrem Haus und die beiden Frauen setzten sich. Geduldig wartete Elin, beobachtete ihre Freundin und berührte sie sanft an der Schulter. Erneut fragte sie, was passiert sei und ob es ihr gut ginge. Die Berührung führte dazu, dass Torvi ihre Emotionen nicht mehr zurück halten konnte und brach schließlich vollends in Tränen aus. Bestürzt nahm Elin sie in den Arm, spendete ihr Trost und hörte ihr aufmerksam zu, als Torvi ihr erzählte, was ihr auf dem Herzen lag. Sie erzählte von ihrer Zuneigung zu den beiden Männern, den eigenartigen Besuch mit Lina an Thorwalds Seite, vom Kampf der ausgebrochen war, nachdem sie ihn zur Rede gestellt hatte. Welcher trotz allem immer noch sagte, dass er sie liebte und dafür sogar den Zorn der anderen Frau in Kauf genommen hatte. Elins Gesichtsausdruck schwankte zwischen Wut und Ratlosigkeit, da auch sie dieses eigenartige Verhalten nicht zu deuten vermochte. „Glaubst du ihm?“, hatte sie gefragt, doch Torvi schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“, antwortete sie zögerlich. „Ein Teil von mir möchte es glauben, doch der andere fragt sich, warum er das getan hat. Er war sich meiner Zuneigung bewusst und dennoch…“, sie brach den Satz ab und unterdrückte erneut aufkommende Tränen. „Es geht um mehr, stimmt´s?“, fragte Elin und erntete einen überraschten Blick. Torvi nickte, war es schließlich unsinnig es vor ihr verbergen zu wollen. Als sie genauer darüber nachdachte war sie sogar froh darüber. Sie hatte dringend jemanden zum Reden gebraucht und so erzählte sie Elin, wie Trystan sie nach dem eigenartigen Besuch von Thorwald und Lina in Nordwacht getröstet hatte, dem Anschein nach ohne genau zu wissen worum es eigentlich ging. „Ich glaube, er hat gewusst, was es mit Lina auf sich hatte, aber ich wollte es nicht hören. Er hatte mit ihr gesprochen, wollte mich vermutlich nur schützen, aber ich konnte... wollte es nicht hören.“, sagte sie mit zitternder Stimme, während Elin geduldig zuhörte. In ihrem Gesicht spiegelten sich die Gedanken, sie sie jedoch für sich behielt, aber ihre Betroffenheit und Mitgefühl, sowie die Wut waren ihr deutlich anzusehen. „Elin, ich weiß nicht was ich tun soll.“, sagte sie verzweifelt und als sie sich wieder beruhigt hatte, stand die Ältere wortlos auf und nahm ihre Freundin bei der Hand. Ihr war eignefallen, dass sie Elin noch etwas zeigen wollte und so gingen die beiden Frauen in das Haus, in dem Torvi wohnte. Neugierig betrachte Elin das Stück Pergament, welches an der Wand hing und mit jedem Wort schienen sich ihre Gesichtszüge zu erhellen, bis sie schließlich ihre Freundin strahlend ansah.
„Das ist wunderschön!“, sagte sie, als sie Trystans Gedicht fertig gelesen hatte. Ein Lächeln huschte flüchtig über Torvis Züge und Elins Laune besserte sich. Neugier lag in ihrem Blick. „Weiß er es?“, fragte die Jüngere unvermittelt, sodass Torvi zunächst nicht wusste was sie meinte. Doch dann wurde ihr bewusst, was ihre Freundin andeutete und senkte verlegen den Blick. „Ich weiß es doch nicht mal selbst.“, antwortete sie. Das war nicht mal gelogen, denn sie selbst wusste nicht so recht, was sie für Trystan empfand. Elin grinste. „Wie kannst du das nach dem Gedicht nicht wissen?“, neckte sie ihre Freundin und wartete gar nicht erst auf eine Antwort, nahm Torvis Hand und ging mit ihr wieder hinaus ins Freie. Sie setzten sich wieder auf die Bank und genossen die warme Sonne auf der Haut. Das Grinsen war nicht aus Elins Zügen verschwunden und als Torvi sie von Neugier gepackt fragte, was der Grund sei, begann Elin ihrerseits zu erzählen. Offenbar hatte sie ihr Glück gefunden und erzählte ihrer Freundin glücklich von einem Mann mit dem Namen Cid, in den sie sich verliebt hatte, welcher ihre Liebe auch erwiderte. „Ich freu mich so für dich!“, sagte sie heiter und aufrichtig, als Elin geendet hatte. „Und ich werde mich für dich freuen, wenn du dich entschieden hast.“, sagte Elin unvermittelt.

Entscheiden…bei allen Göttern, wenn das so einfach wäre, dachte Torvi.
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2 Jahre 4 Monate her - 2 Jahre 4 Monate her #899 von Torvi
Torvi antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Sturmbucht

Schon aus der Ferne war das tosende Rauschen der Brandung zu hören, dessen Geräusch durch die sich brechenden Wellen erzeugt wurde, die gegen die Klippen schlugen. Je näher sie kam, umso lauter wurde es, bis das Donnern schließlich ihren ganzen Körper erfüllte. Ehrfürchtig und mit respektvollem Abstand betrachtete sie das gewaltige Schauspiel. Selbst Norna fühlte die Kraft des Meeres, scharrte mit den Hufen und schnaubte nervös. Lächelnd tätschelte sie ihrer Gefährtin den Hals und sprach beruhigend auf sie ein. Sogar die Stute spürte die kraftvollen Bewegungen von Jörmungandr, die sich irgendwo dort draußen tief ihren Weg durch den Ozean bahnte und somit die kräftigen Wellen erzeugte, die sich an den Felsen in der Brandung brachen. Ihr Vater hatte gelacht, als sie ihn mit ihren besorgten Kinderaugen angesehen hatte und glaubte, ein Sturm würde aufziehen, als sie zum ersten erste Mal das tosende Rauschen des Meeres vernommen hatte. Lächelnd erinnerte sie sich, schob dann aber den Gedanken wehmütig beiseite.

Sie vermisste ihre Familie.

Durch einen leichten Druck ihrer Schenkel wendete das treue Pferd und trabte beinahe erleichtert auf die Siedlung zu, die vor ihr lag. Die junge Frau schmunzelte. Der Name Sturmbucht war passend, denn das Rauschen des Meeres war hier immer noch deutlich vernehmbar. Die weite Graslandschaft, vom Wind in wellenartigen Wogen neigend, war das Meer in dem die Siedlung wie ein Fels in der Brandung stand. Fest und Standhaft.
Ein Mann stand vor dem hölzernen Tor der Palisade, welche das Dorf gänzlich umschloss. Lächelnd hob Widar, der Kriegsjarl von Nordheim, den Arm zum Gruß und freute sich sichtlich über Torvis Besuch. Doch sein enttäuschter Blick war ihr nicht entgangen und so entschuldigte sich die junge Frau für den nicht anwesenden Jarl von Nordwacht, den Widar zusammen mit Torvi nach Sturmbucht eingeladen hatte. „Bran Olavson, Jarl von Nordwacht und Earl von Middenheim entsendet seine Grüße, ebenso wie die Entschuldigung, dass er Eurer Einladung wegen dringender Angelegenheiten nicht nachkommen kann.“, sprach sie förmlich und Widar nahm die Entschuldigung mit einem Kopfnicken an, bevor sein Lächeln breiter wurde und sich in ein Grinsen verwandelte. Torvi überlegte irritiert, ob sie eine Form der Höflichkeit vergessen hatte, denn als Jarlstochter sollten ihr die Gepflogenheiten der Etikette und Hochsprache geläufig sein. Nur war es zulange her, als sie diese zuletzt anwenden musste. Widar hatte ihre Unsicherheit offenbar bemerkt und begann zu lachen. „Kein Grund so förmlich zu reden, Kleines. Komm erstmal rein und erzähl mir in Ruhe, was den „Earl“ von seinem Besuch abgehalten hat.“ Er zog das Wort absichtlich spöttisch in die Länge, schloss dann das große Palisadentor und wollte dann nach Nornas Zügel greifen, als diese den Kopf zurück zog und schnaubte. Mit gehobener Augenbraue fixierte er das Tier, zuckte dann aber mit den Schultern und überließ es Torvi, ihre Stute zu den anderen Pferden zu führen.

Gemeinsam gingen sie danach zu dem Baldachin unter dem Tische, Bänke und andere Sitzgelegenheiten standen. Der Geruch vom frischgebratenem Fleisch lag in der Luft und Torvi hätte schwören können, dass das Brot auf dem Tisch ebenfalls frisch war. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie hungrig sie war, aber etwas anderes beanspruchte ihre Aufmerksamkeit.
„Bitte setz dich. Bist du hungrig?“, fragte der großgewachsene Mann und stutzte, als er den ernsten Blick der jungen Frau bemerkte. „Kein Hunger? Auch gut. Dann ess´ ich eben alleine“, sagte er und wollte gerade zur Kochstelle hinüber gehen, als er am Arm festgehalten wurde. „Ich sehe doch, dass Ihr etwas vor mir verbergt. Also sagt schon, wie lange ist es her?“, fragte Torvi, die mit geübten Blick bemerkt hatte, dass Widar verletzt war und deswegen eine schonende Haltung eingenommen hatte. Dieser sah sie erstaunt an. „Da fühl ich mich aber geehrt, dass die holde Maid nicht den Blick von mir lassen kann.“, sagte er grinsend. Torvi hob eine Braue und verzog keine Miene. „Ich beobachte Euch sogar. Ihr atmet flach, verlagert das Gewicht auf das linke Bein und haltet Euren Kopf nicht gerade. Da Ihr auch noch zu Scherzen neigt, müsst Ihr zudem schon etwas länger die Schmerzen erleiden und habt somit einen optimalen Weg gefunden, damit man es Euch nicht anmerkt.“ Sie sah, dass er etwas erwidern wollte, doch entschied er sich offenbar dagegen und seufzte. „Bran hatte recht, du bist wirklich gut.“, lobte er die junge Frau, die ihn wiederum erstaunt ansah. „Was glaubst du weshalb ich ihm gesagt hab´, dass er dich mitbringen soll?“ Sie wollte gerade etwas erwidern, doch sprachlos kam ihr kein Wort über die Lippen. Bran hatte sie gelobt und das sogar vor dem Kriegsjarl. Verlegen kratzte sich am Hals und berührte dabei flüchtig ihre Halskette.
„Jetzt schon sprachlos? Dachte das passiert erst, wenn ich mich meiner Tunika entledige. Genau den Blick wollte ich!“, sagte er grinsend, als sie ihn schließlich doch empört ansah und sie aus ihren Gedanken riss. Wortlos deutete die junge Frau auf den Tisch, woraufhin er wieder eine anzügliche Bemerkung machte. Torvi blieb jedoch gelassen und wies ihn an, sich der Rüstung die er trug und der Tunika zu entledigen. Derweil ging sie zu ihrem Pferd, suchte in der Satteltasche nach den Tinkturen und anderen Dingen, die sie benötigen würde. Bran hatte grob das Verhalten des Kriegsjarls beschrieben, als sich die beiden Männer zuletzt gesehen hatten und daraufhin hatte die Kräuterkundige die Satteltasche mit allem Notwendigen gepackt. Als sie zurückkam, saß Widar immer noch in Rüstung und mit einem breiten Grinsen auf der Bank und hob abwehrend die Hände, da Torvi gerade zu einer spitzen Bemerkung ansetzen wollte. „So frech bin ich auch wieder nicht!“, sagte er und verzig merklich das Gesicht, nachdem er die Arme wieder herab nahm. „Ich schaffe es wirklich nicht allein, die Rüstung abzulegen“. Sein Blick verriet ihr, dass er es tatsächlich ernst meinte und so legte sie seufzend ihre Utensilien beiseite. „Was ist vorgefallen?“, fragte sie ruhig, während sie nach und nach die Schnallen der Rüstung löste und sie vorsichtig von seinem Körper zog. Ein paar Mal sog Widar wegen der Schmerzen scharf die Luft ein, berichtete dann aber weiter, wie er vor einiger Zeit beim Lanzenreiten vom Pferd gestoßen wurde. So etwas in der Art hatte Torvi bereits vermutet, aber da Tjosten sich in ihrer Heimat keiner großen Beliebtheit erfreute, hatte sie diese Möglichkeit zunächst nicht in Betracht gezogen. „Das erklärt jedenfalls die Beulen in Eurer Brustplatte“, sagte sie und legte diese beiseite.

Mit jedem Teil der Rüstung wurde der Jarl ruhiger und seine Witze verebbten ebenso, wie sein schalkhaftes Grinsen. Er gab sich Mühe, keine Miene zu verziehen, als sie seinen Oberkörper und Rücken abtastete. Gebrochene Knochen schien er keine zu haben und so öffnete sie ein kleines Gefäß, welches mit Lavendelöl gefüllt war und trug es in sanften Bewegungen auf. Der kampferprobte Mann zuckte kurz zusammen, dessen Körper mit diversen Narben übersäht war und jede seine eigene Geschichte erzählte. Ihr Patient, den sie auf 30 Sommer schätzte, scheute offenbar keinen Kampf. Weder mit Mensch noch Tier. Sie bemerkte zahlreiche alte Schnittwunden, ebenso wie einige Narben, die von einem Wolf oder Bär stammten. Scharf zog er die Luft ein, brummte und knurrte schließlich, als sie ihren Druck verstärkte, um die Muskeln zu lockern, die lange Zeit geschont und nicht beansprucht wurden. Seine Hände ballten sich, doch nach und nach schien er sich zu entspannen, was sie an seiner Atmung merkte, ebenso wie seine Hände, die nun gelassen auf seinen Oberschenkeln ruhten. Keiner von beiden sagte ein Wort, auch nicht als Torvi ihr Gefäß verschloss und wieder in die Tasche zurücklegte. Erst als sie aufstehen, und ihre Habe in die Satteltasche zurücklegen wollte, hielt Widar sie unvermittelt an ihrem Handgelenk fest. Mit einem Seufzen drehte sich die junge Frau um und wollte ihm gerade sagen, dass er sich seine anzüglichen Scherze sparen könne, die sie von ihm erwartete, als ihr Blick verwundert auf dem Jarl von Sturmbucht ruhte. Seine bernsteinfarbenen Augen sahen sie durchdringend und dankbar an, er löste langsam den Griff und lächelte sanft. Unbewusst hatte sein Blick sie in den Bann gezogen und verlegen zog sie ihre Hand zurück, mit der sie ihre Tasche umklammerte. Er bemerkte ihren veränderten Gesichtsausdruck und wollte gerade etwas sagen, als er jemanden aus dem Augenwinkel sah. Alimalia, eine junge Frau die Torvi noch nicht kannte, begrüßte die beiden freundlich. Ihr Blick blieb einen Moment lang an Widars Oberkörper haften, bevor sie verlegen den Gast begrüßte und sich beide Frauen einander vorstellten. Alimalias beobachtende Augen huschten kurz zwischen den beiden hin und her und berichtete ihrem Jarl dann von einem weiteren Gast, der vor Sturmbuchts Toren stand.
Widar dachte gar nicht erst daran, sich seine Tunika wieder überzuziehen und sprang behände vom Tisch. Sich seines von Öl glänzenden Körpers bewusst, ging er dem Besucher entgegen und ließ die beiden Frauen zurück. Torvi schüttelte nur den Kopf, bemerkte aber dann, dass Alimalia bei dem Anblick errötete. Sie lächelte und hoffte, dass die junge Frau irgendwann solch imponierendes Gehabe erkannte und sich davon nicht mehr beeindrucken ließ.

Ich Lächeln erstarb, als Widar mit dem Besucher an seiner Seite zurückkam. Sie spürte, wie ihre Wangen rot wurden und wich Thorwalds Blick aus, als dieser sie mit einem Lächeln begrüßte. Zaghaft erwiderte sie den Gruß, wagte es aber nicht den Blick zu heben und sah somit auch nicht den traurigen Ausdruck in seinen Augen, mit denen er sie beobachtete. Widar sah zwischen den beiden hin und her, zog die Stirn kraus und verwickelte seinen neuen Gast unvermittelt in ein Gespräch, als Torvi dann plötzlich empört aufsah, da Widar einen Trainingskampf vorschlug. Mit einer Handbewegung bedeutete der Kriegsjarl ihr zu schweigen und sah sie dann mit einem Grinsen an. Torvi rollte mit den Augen, als er sie freundlich bat, ihm nochmal bei der Rüstung „zur Hand“ zu gehen und betonte die Worte mit einem Zwinkern. Ihr Blick huschte kurz zu Thorwald, eher sie der Bitte des Jarls nachkam, ihm beim Anziehen der Rütsung half und dieser danach sichtlich erfreut war, sich wieder ohne Schmerzen bewegen zu können. Die beiden Männer gingen zum Kampfplatz und ließen die Frauen zurück. Alimalia bedachte Torvi mit einem besorgten Blick, fragte ob es ihr gut ginge, da sie die Spannung zwischen ihr und dem Gast bemerkt hatte. Ihre Antwort war offenbar nicht zufriedenstellend, aber Alimalia hakte nicht weiter nach und schlug stattdessen vor, den beiden Männern beim Kampf zuzusehen. Eigentlich wollte Torvi die Gelegenheit nutzen, um wieder zurück nach Nordwacht zu reiten, aber es wäre unhöflich gewesen, sich ohne ein Wort auf den Weg zu machen. Seufzend willigte sie also ein und die beiden Frauen gingen zum Kampfplatz hinüber und setzten sich im gebührenden Abstand, um den Kampf nicht zu behindern.

Bei jedem Schlag zuckte Torvi unwillkürlich zusammen und schloss kurz vor dem letzten Streich die Augen, der über Sieg und Niederlage entschied. Erinnerungen schienen ihre Sicht zu überlagern und so zwang sie sich zur Ruhe, da ihr Herz begonnen hatte wie wild zu schlagen und bemerkte, dass sich ihr ganzer Körper angespannt hatte. Jubelrufe rissen sie aus ihren Gedanken, als Alimalia ihrem Jarl zum Sieg gratulierte. Dieser winkte Torvi zu sich und bat sie, den Sitz seiner Rüstung zu prüfen. Thorwald bedankte sich für den Kampf und ging seinerseits zu Alimalia, um das Gespräch zu suchen. Ihre Blicke trafen sich, als sie aneinander vorbei gingen und kaum merklich streifte sein Arm den ihren. Sie spürte wie ihr die Wärme ins Gesicht stieg und beantwortete Widars frage, als er sie darauf ansprach damit, dass sie sich zu sehr darüber aufgeregt habe, dass er sich direkt nach der Behandlung wieder in den Kampf gestürzt hatte. Er zwinkerte ihr zu, lächelte und deutete mit einem Kopfnicken auf ihr Pferd, welches bei den anderen in geringer Entfernung stand. „Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber ich erkenne ein scheues Reh, wenn es auf der Flucht ist. Mir geht es gut und ich habe meinen Gegner nicht blutig geschlagen. Obwohl er es vielleicht verdient hätte, wenn er der Grund für deinen Gesichtsausdruck ist.“, sagte er und sah sie dabei ernst an. Seine Hand lag beinahe beiläufig auf dem Schwert, aber seine Augen warteten lauernd auf eine Antwort. Sie bezweifelte nicht, dass er es erneut ziehen würde, denn er meinte es wirklich ernst. Torvi schüttelte den Kopf und versicherte Widar, dass sie nicht wollte, dass überhaupt jemand für sie kämpfte und versuchte ihn zu überzeugen, dass ein anderer Grund für ihr derzeitiges Verhalten verantwortlich war. Der Jarl sah sie durchdringend an, offenbar schien er ihren Worten keinen Glauben zu schenken, aber er beließ es dabei und ging mit ihr zu den Pferden. „Ist wirklich alles in Ordnung, Torvi?“, fragte er und erntete ein zwanghaftes Lächeln, dass ihn noch misstrauischer werden ließ. „Mir geht es gut, mein Kriegsjarl.“, log sie. Die junge Frau stieg in den Sattel und tätschelte ihre nervös schnaubende Stute. Widar sah sie ungläubig an, seufzte und ergab sich dem sturen Willen der Frau, von der er keine zufriedenstellende Antwort erhielt. Er öffnete das Palisadentor und reichte ihr die Hand zum Abschied. Torvi beugte sich hinab, umschloss sein Handgelenk und spürte, wie er vorsichtig seine Hand um ihren Unterarm schloss und sie zu sich hinab zog. Torvi errötete, denn Widar kam ihr sehr nahe und flüsterte ihr etwas ins Ohr. „Pass auf dich auf, Kleines. Und denk daran, nur ein Wort…“, er brach den Satz bewusst ab, drückte sie dann wieder sanft zurück in den Sattel und sah sie ernst an. „Ich danke dir mein Freund. Und pass du auf dich auf!“, ihr Blick huschte kurz zu den beiden, die etwas abseits standen und in ein Gespräch vertieft waren. Aus irgendeinem Grund hoffte sie, dass Thorwald sich zu ihr umdrehen würde, bevor sie Sturmbucht verließ. Aber ihre Hoffnung wurde nicht erfüllt und so sah sie ein letztes Mal in Widars bernsteinfarbenen Augen, die sie immer noch beobachteten. „Und komm mir ja nicht auf die Idee, morgen nach Nordwacht zu reiten, um die gleiche Behandlung einzufordern!“, sagte sie grinsend und sah, wie sich die Gesichtszüge des Kriegsjarls erhellten und er lachend ihrer Stute einen Klapps auf die Flanke gab, woraufhin diese lospreschte.

Als Mensch und Pferd die Siedlung hinter sich gelassen hatten, merkte Torvi, wie Norna mit anwachsender Entfernung ruhiger wurde und die junge Frau lächelte, wegen ihrer innigen Verbindung zu ihrer Gefährtin. Denn beide wollten offenbar erneut das Gleiche.

Zurück in die Heimat.
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2 Jahre 3 Monate her - 2 Jahre 3 Monate her #920 von Torvi
Torvi antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Fenrismond

Die letzten Sonnenstrahlen brachen durch das dünne Geäst der Bäume, die in der nahenden Nacht die Formen von kahlen, knorrigen Kreaturen angenommen hatten, die im Wind zu tanzen schienen. Nur das vereinzelte Rascheln der immergrünen Bäume war noch zu vernehmen, sowie der Wind, der sich seinen Weg durch den Wald bahnte. Vereinzelt fiel der Schnee von den kargen Ästen, die vom Wind erfasst, ihrer schweren Last nachgaben, welche mit einem dumpfen Aufprall in die Tiefe fiel. Das Geräusch verschreckte den einen oder anderen Bewohner des Waldes, die auf ihrer Flucht tiefe Spuren im Schnee hinterließen. Lange hatte er die Spuren verfolgt, in der Hoffnung auf Beute, doch die Natur war zu dieser Jahreszeit erbarmungslos, denn kaum hatte er sein Opfer erspäht, floh es aufgeschreckt davon. Er hasste den Winter. Seine Beute befand sich entweder gut versteckt im Winterschlaf und jene, die doch im Schnee nach Nahrung suchten, hörten seine Schritte schon lange bevor sie ihn sahen. Seine Gefährten hatten nicht weniger Glück und so streiften sie hungrig und ausgezehrt durch die Wälder. Er spürte ihre Anspannung, den Frust, ausgelöst durch den stechenden Hunger, der sie in den Norden, fernab des gewohnten Reviers, getrieben hatte. Gespannt lauschte der erfahrene Jäger in die hereinbrechende Nacht, doch außer seinen Gefährten hörte er nur das Rascheln der Bäume, den Schnee, der geräuschvoll unter seinem Gewicht nachgab und das Knurren seines hungrigen Magens. Im Augenwinkel erhaschte er plötzlich eine Bewegung. Nur ein Wachholder, der im Winde sich wiegend, seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Doch dann wendete er ruckartig den Kopf, die Augen geweitet, von Aufregung ergriffen. Blutdurst erfüllte sein ganzes Wesen, als er den Ruf seiner Gefährten hörte

Beute!

Der Mond stand hoch am Himmel, spendete den Jägern der Nacht gerade so viel Licht, wie sie es benötigten. Doch die junge Frau war ebenso wenig an das karge Licht gewöhnt wie ihre Stute, die sich unbeholfen in der Dunkelheit den Weg durch das Unterholz bahnte. Immer wieder knackten die Äste unter den Tritten des Pferdes, welches nervös die Ohren erst nach vorne, dann zur Seite richtete. Selbst die beruhigenden Worte ihrer Reiterin vermochten ihr kaum die nötige Ruhe zu schenken. Denn auch sie war von Angst erfüllt und fühlte, dass dort im Wald etwas lauerte. Das Heulen der Wölfe schien fern und dennoch fand sie darin keinen Trost. Denn als erfahrene Jägerin wusste sie, wie schnell die Kinder der Nacht große Entfernungen zurücklegen konnten. Rote Striemen im Gesicht zeugten von den Ästen, die sie in der Dunkelheit übersehen hatte und warmes Blut lief ihr die Wangen hinab. Hatte sie etwa die Orientierung verloren? Nein, sie kannte den Weg! Oft genug war sie in die neue Siedlung geritten, welche sich auf der Westinsel befand und wo sich die Bewohner von Druidenwald ein neues Zuhause aufgebaut hatten. Erst kürzlich war sie dort gewesen, doch stets war sie vor Einbruch der Nacht zurückgekehrt. Die Rothaarige fluchte und trieb ihre Stute zur Eile an. Sie hatte zu viel Zeit in Sturmbucht verbracht und nicht auf den Sonnenlauf geachtet.

Da war es wieder, das Heulen. Diesmal näher.

Torvi entschied sich, einen Umweg zu reiten und zerrte nervös am Zügel, woraufhin sie empörtes Schnauben ihrer Stute als Antwort bekam. Immer wieder bremste Norna ab, die sich im fahlen Mondlicht selbst vor einem raschelnden Wachholder erschreckte und schaffte es nur geringfügig, das mittlerweile scheue Tier zu beruhigen. Sie konnte es ihrer Gefährtin nicht verdenken, denn in dem fahlen Mondlicht erzeugte der Wald die schaurigsten Wesen, die ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagten. Mit einem leichten und doch bestimmten Zug an den Zügeln führte sie das Pferd wieder Richtung Süden, nachdem sie einen Bogen über den Norden geritten war. Erleichtert atmete Torvi auf, als sie in der Ferne die Lampen sah, welche die Straße Richtung Nordwacht markierten und sie sicheren Weges heimbringen würde. Die aufgeregte Atmung ihrer Stute zeugte ebenfalls davon, dass auch sie wusste, dass es nicht mehr weit sein konnte und sie den Weg erkannte, dem beide schon sooft gefolgt waren. Wenige Schritte trennten Mensch und Tier noch vom sicheren Pfad, als sie erneut das Heulen der Wölfe hörte.

Dann ein lautes Knurren. Genau vor ihr!

In ihrer Erleichterung hatte sie das kehlige und tiefe Knurren der Jäger nicht gehört und das aufgeregte Schnauben ihres Pferds falsch gedeutet. Norna hatte offenbar gewusst, dass dort etwas lauerte, doch sich nicht gegen den Willen ihrer Reiterin durchsetzen können. Nervös tänzelte das Tier, scharte mit den Hufen und wieherte laut. Doch die Wölfe schienen davon gänzlich unbeeindruckt und umkreisten sie mit funkelnden, gierigen Augen. Hektisch sah sie sich um, gab ihrer Stute einen Schlag auf die Flanke, um diese aus der Apathie zu reißen und zur Flucht zu drängen. Das nervöse Tier stieg und Torvi schaffte es nur mit Mühe, sich im Sattel zu halten. Erleichtert atmete sie auf, als das Pferd schließlich allen Mut zusammen nahm und mit aller Kraft losgaloppierte. Sollten sie doch versuchen ihnen zu folgen. Die junge Frau kannte keinen Wolf, der mit dem robusten Ross mithalten konnte, denn schon oft waren sie von den stillen Jägern überrascht worden und stets waren sie ihnen entkommen.

Wenige Augenblicke später stemmte das Pferd plötzlich mit voller Kraft die Vorderbeine in den Boden, als sich das Rudel vor ihnen in den Weg stellte und Torvi durch das abrupte Abbremsen aus dem Sattel gehoben wurde. Die Luft wurde ihr durch den Aufprall aus den Lungen gepresst, während Norna, von Panik ergriffen, mit den Hufen scharrte. Nur den Göttern war es zu verdanken, dass die Stute sie verfehlte, während sie unter Schmerzen versuchte, sich wieder aufzurichten. Das Knurren wurde lauter und ein Blick in jede Richtung offenbarte Torvi, dass das Rudel sie in eine Falle gelockt hatte. Mit fletschenden Zähnen umkreisten sie ihre Beute. Instinktiv griff die junge Frau an ihren Gürtel und suchte nach dem Dolch, den sie immer bei sich trug. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sie die scharfe Klinge schützend vor sich, presste die Lippen aufeinander und versuchte die Panik zu bekämpfen, die sie zu überwältigen drohte. Durch den Sturz hatte sie sich am rechten Arm verletzt und nur der pure Überlebenswille ermöglichte es der jungen Frau, den Schmerz zu verdrängen. Ihr Atem ging stoßweise und als erfahrene Heilerin wusste sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, bis sie das Bewusstsein verlieren würde. Bald würde sich ihre Sicht trüben und in dem Moment, wo sie das Bewusstsein verlor, wäre sie den hungrigen Jägern schutzlos ausgeliefert. Warm rann ihr das Blut den Arm hinab, dampfte in der kalten Winternacht und tropfte in den Schnee. Ein dumpfer Aufprall an ihrer rechten Seite schreckte sie auf, riss sie jäh aus ihren Gedanken, als Norna mit den Hufen auf den Boden schlug, um einen sich nähernden Wolf auf Abstand zu halten. Das Rudel war zwar in der Anzahl überlegen, doch die intelligenten Jäger wussten, wie gefährlich die Hufe eines Pferdes sein konnten. Knurrend umrundeten sie Mensch und Tier, schienen den richtigen Moment abzuwarten und leckten sich gierig das Maul.
Torvis Blick wurde plötzlich von einem gelben Augenpaar gebannt, welches sich durch die Menge des Rudels schob und sich vor die anderen Wölfe platzierte. Blutdürstig starrte er die junge Frau an, fletschte drohend das Maul und offenbarte seine scharfen weißen Fänge. Es bestand keinen Zweifel, dass es das Alphatier des Rudels war, den er überragte die anderen beinahe um das Doppelte. Sein Knurren jagte Torvi einen kalten Angstschauer über den Rücken und es war ihr, als würde der Wolf sie hämisch angrinsen, als sich die junge Frau ihrer Angst ergab und panisch zu den Göttern betete. Blinzelnd kämpfte Torvi gegen das Gefühl der Ohnmacht an, ausgelöst vom Schmerz ihres gebrochenen Armes und des Blutverlusts. Für einen Augenblick glaubte sie, eine Gestalt neben dem riesigen Wolf zu entdecken, doch im nächsten Moment war sie wieder verschwunden. Ein Geräusch von klirrenden Ketten drang an ihre Ohren, vermutlich das Blut, das durch ihren Körper rauschte. Der Anführer des Rudels starrte sie immer noch an und machte dann einen Schritt auf sie zu. Dann noch einen. Deutlich sah die junge Frau das Fell, welches schwarz im Mondlicht glänzte. Sah die gelben Augen, die sie durchdringend anstarrten und sie mit Angst erfüllten. Das klirrende Geräusch wurde lauter und sie es war ihr, als hörte sie im Knurren eine Stimme, die hämisch lachte. Kein anderer Wolf aus dem Rudel wagte sich zu nähern und dem Alpha in die Quere zu kommen, als dieser sich anspannte und sein Maul öffnete und zum Sprung ansetzte, um Torvi in Stücke zu reißen.

Ein jäher Schmerz durchfuhr sie, als er seine scharfen Zähne in ihren Körper grub und mit seinem kräftigen Kiefer zubiss. Ihr wurde schwarz vor Augen, doch bevor sie das Bewusstsein gänzlich verlor, schlug sie mit dem Dolch in die Seite des Angreifers und vernahm mit Genugtuung ein schmerzhaftes Heulen, als sie den Dolch mit ganzer Klinge in den Körper des Wolfes trieb. Doch dann hörte sie noch etwas anderes, ein Donnern, dann einen Aufschrei aus Wut und Angst. Vermutlich ihr eigener. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie versank in der Dunkelheit.
Letzte Änderung: 2 Jahre 3 Monate her von Torvi.
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1 Jahr 9 Monate her #1233 von Torvi
Torvi antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Keine Ahnung nob das hier überhaupt irgendjemand liest:
Wäre schön zu wissen, ob es noch Leute gibt, die hier ab und an reinschauen.
^^
Und ob ich ggf. wieder das Schreiben anfange. Motivation dazu wäre wieder da :-)
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1 Jahr 8 Monate her #1234 von Trystan Warrick
Trystan Warrick antwortete auf das Thema: Tochter der Nanna
Öhm, ab und zu xD

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